Ein Erfahrungsbericht über bürokratische Hürden, die Tücken der Service-Welt und das technische K.O.-Kriterium „DS-Lite“.
Gestern habe ich einem Bekannten geholfen, der neu in meine Region gezogen ist. In der Blinden-Welt ist Deutschland ein Dorf – man kennt sich über drei Ecken, sei es durch gemeinsame Maßnahmen, Spiele-Einrichtungen oder Projekte wie Elton. Da er vollblind ist, unterstützte ich ihn dabei, seinen neuen winSIM-Anschluss (Drillisch) mit einem vorhandenen Speedport Smart 4R einzurichten. Bewaffnet mit meinem 13″ iPad und seinen Daten, begann eine Reise durch technische und bürokratische Sackgassen.
Teil 1: Datenbeschaffung im Blindflug
Da weder Brief noch E-Mail mit Zugangsdaten vorlagen, mussten wir in die winSIM-Service-Welt. Einem Blinden zuzumuten, gezielt Informationen aus unübersichtlichen Bestelldokumenten zu extrahieren, ist ohne sehende Hilfe fast unmöglich.
- Passwort-Chaos: Das Service-Passwort musste sofort geändert werden, weil es plötzlich mehr Stellen als vor 90 Tagen haben sollte.
- Identitäts-Check: Das Hotline-Kennwort wurde zur Service-PIN umfunktioniert, und wir mussten erst noch eine Sicherheitsfrage definieren.
- Suche nach der Nadel im Heuhaufen: Die Zugangskennung (beginnend mit
da...) fanden wir erst tief im Profil. Das Passwort war gar nicht auslesbar; wir mussten es neu generieren, damit es einmalig im Klartext angezeigt wurde, um es mühsam aufzuschreiben und zu kopieren.
Teil 2: Der erste gescheiterte Versuch am Speedport
Wir starteten am Speedport unter „Anderer Anbieter“.
- Der Fehler: Intuitiv gaben wir nur die Benutzerkennung (
da...) und das Passwort ein. VLAN-ID? Fehlanzeige. - Das Ergebnis: „Es hat leider nicht funktioniert“. Der Speedport vermutete eine Störung und riet uns, es in ein paar Minuten erneut zu versuchen.
- Passwort-Loop: Wir generierten mehrfach neue Internet-Passwörter, achteten penibel auf jedes Zeichen davor und danach – doch die Verbindung blieb tot.
Teil 3: Die Hotline-Sackgasse
Ein Anruf bei der Hotline brachte die nächste Hürde. Ohne Rufnummer zum Vertrag (die ich erst mühsam aus den Bestelldokumenten suchen musste) kam man nicht durch. Dann wollte das System die Vertragsnummer – die Suche begann von vorn, da noch keine Rechnung vorlag. Nachdem wir endlich durchkamen und er sich trotz Service-PIN erneut mit Name und Adresse legitimierte, die Ernüchterung: Die Mitarbeiterin erklärte, sie werde nur für die FritzBox-Router geschult. Für Fremdgeräte wie Speedport, Netgear, Cisco und die anderen gäbe es keine Unterstützung.
Teil 4: Der Umweg über die FRITZ!Box (und die richtige Kennung)



Zum Glück lieh uns jemand eine FRITZ!Box 7490. Nach dem Werksreset stolperte ich jedoch erneut:
- Ich wählte „Weiterer Internetanbieter“ und gab die Daten ein. Ergebnis: „Zugangsdaten ungültig!“.
- Die Lösung: Erst als ich in der Liste explizit „Drillisch Online GmbH“ auswählte, änderte sich alles. Ein Hinweis erschien, dass diese Einstellungen für Marken wie winSIM, sim.de etc. gelten.
- Die korrekte Form: Plötzlich sah ich, wie die Kennung wirklich aussehen muss:
internet/[Benutzername]@de-access.de. Mit diesem Präfix und dem Passwort stand die Verbindung sofort! Auch die SIP-Rufnummern wurde per Konfiguration automatisch bezogen.
Teil 5: Der finale Test und das technische K.O.
Mit diesem neuen Wissen kehrten wir zum Speedport zurück. Ich gab nun die vollständige Kennung ein, doch es passierte immer noch nichts. Erst nachdem ich Gemini um Rat fragte und den Hinweis auf die VLAN-ID 7 erhielt, änderte sich der Status: Tatsächlich meldete der Speedport nun: „Internetverbindung hergestellt“.
Doch der Schein trog:
- Google, Amazon und mein Blog (per IPv6 erreichbar) funktionierten.
- winSIM.de oder Speedtest.net (IPv4) luden sich jedoch zu Tode.
Ein Blick in die Status-Informationen der FRITZ!Box (siehe Bild) bestätigte den Verdacht: Der Anschluss nutzt einen DS-Lite-Tunnel. Die bittere Wahrheit: Der Speedport Smart 4 kann kein DS-Lite für Drittanbieter. Er versteht das AFTR-Verfahren nicht, mit dem IPv4-Daten durch das IPv6-Netz getunnelt werden.
Fazit
Die Einrichtung hat sich extrem in die Länge gezogen, weil wichtige Informationen wie das nötige internet/-Präfix und die VLAN-ID erst mühsam kombiniert werden mussten. Am Ende war die Hardware schlicht inkompatibel. Der Speedport wird nun verkauft und für meinen Bekannten wird eine eigene FRITZ!Box angeschafft.
Link-Tipps für Betroffene:
- Drillisch Anleitung für FRITZ!Box (PDF) (habe ich erst später entdeckt, falls offline, hier die Kopie)
- ComputerBase Forum zum Speedport & DS-Lite